Hamburger Kunsthalle: Höchste Zeit für Toyen

Von Petra Bassen
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Wer kennt sie nicht, die berühmten Surrealisten wie Salvador Dalí, Max Ernst, René Magritte oder André Breton? Männer unter sich könnte man meinen. Höchste Zeit, dieses Bild geradezurücken, findet Dr. Annabelle Görgen-Lammers, Kuratorin in der Hamburger Kunsthalle im Gespräch mit dem Hamburg Guide. Denn tatsächlich hatte Toyen, die bedeutendste tschechische Künstlerin des 20. Jahrhunderts, die 1902 als Marie Čermínová in Prag geboren wurde, eine einzigartige und einflussreiche Stellung in der männlich dominierten tschechoslowakischen Avantgarde und dem internationalen Surrealismus. Ihre poetischen wie provokanten Bilder oszillieren zwischen Realität und Imagination, Verführerischem und Abgründigem und prägen sich tief in das Gedächtnis ein.

Toyen dem breiten Publikum bekannt machen

„Mit der Ausstellung verfolgen wir das Ziel, Toyens Bedeutung in der Kunstgeschichte angemessen zu bewerten und das faszinierende und vielschichtige Werk aus sechzig Jahren dieser in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Künstlerin einem internationalen Publikum zugänglich zu machen“, sagt Dr. Annabelle Görgen-Lammers, Kuratorin der ersten Toyen-Einzelausstellung in Deutschland.

Die Hamburger Kunsthalle präsentiert rund 300 Exponate aus allen Schaffensphasen: 100 Gemälde, 180 Zeichnungen, Collagen, Illustrationen, Druckgrafiken sowie illustrierte Bücher und Objekte, zusätzlich eine Vielzahl von bislang unbekannten Dokumenten – Künstler:innenbriefe, Gemeinschaftswerke und Fotografien. Sie geben tiefe Einblicke in Toyens außergewöhnliches Werk und Leben sowie ihre enge internationale Vernetzung. Zudem zeigen sie ihre Grenzen verschiebenden Kombinationen unterschiedlicher Ausdrucksmittel – von Malerei und Collage, Poesie und Illustration. Thematische Schwerpunkte sind Erotik, Revolte, Traum, Humor und Alchemie.

Na zámku La Coste/Im Schloss La Coste, 1943 | Öl auf Leinwand, 65x87cm, National Gallery in Prague, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Foto: ©National Gallery Prague 2021

Weitere hochkarätige Leihgaben sowie der Sammlungsbestand der Kunsthalle ermöglichen eine Zusammenschau mit ausgewählten Werken ihrer berühmten Weggefährten des tschechischen und internationalen Surrealismus.

„Diese Gegenüberstellung belegt eindrucksvoll, wie Toyen mit ihren neuartigen Verfahrensweisen und Motiven den Surrealismus auf einzigartige Weise bereichert“, erläutert Görgen-Lammers.

Eine lebenslange Grenzgängerin

„Vorgegebene Zuschreibungen, seien es gängige Geschlechterrollen, vorherrschende Stile, Themen oder Techniken, kündigte die lebenslange Grenzgängerin in Kunst wie im Leben konsequent auf und thematisiert in ihren Arbeiten Fragen nach Freiheit, nach politischer, sexueller und künstlerischer Identität, dem Ausloten von gesellschaftlich vorgegebenen Grenzen – und damit durchweg Themen von hoher Aktualität“, so Görgen-Lammers weiter.

Künstlerisch und politisch engagiert, hinterfragt die Künstlerin sämtliche Kategorisierungen. Bereits mit 21 Jahren wählt Marie Čermínová das geschlechterneutrale Pseudonym Toyen, abgeleitet vom französischen Citoyen (Bürger).

Hlas lesa II/Stimme des Waldes, 1934 | Öl auf Leinwand, 200×72,5cm | Œuvre du fonds départemental d‘acquisitions patrimoniales de Seine-Saint-Denis en dépôt musée d’art et d’histoire Paul Eluard, Saint-Denis, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: ©Irène Andréani

Sehr früh schon wirkte Toyen als Pionierin in ihrer Heimatstadt Prag, hatte dort eine zentrale Stellung und Vorreiterrolle in der tschechischen Avantgarde inne. 1934 war sie Gründungsmitglied der tschechoslowakischen Surrealisten-Gruppe. Hohe Wertschätzung wurde ihr von ausnahmslos allen französischen Surrealisten zuteil; ab 1935 war sie auf allen internationalen Ausstellungen der Bewegung vertreten. Während der deutschen Besatzung Prags im Krieg, als ihre Kunst als „entartet“ gilt und sie in ständiger Todesangst lebt, schafft Toyen eindringliche Zeichnungszyklen. Ab 1947 entwickelt sie ihr malerisches Œuvre im Pariser Exil weiter. Nach ihren großen frühen Erfolgen ist Toyen in den letzten 20 Jahren ihres Lebens in Vergessenheit geraten. Außerhalb Tschechiens und vor allem in Deutschland ist Toyen selbst in Fachkreisen bislang nahezu unbekannt – völlig zu Unrecht, wie die aktuelle Ausstellung zeigt.

Info-Box

Die Ausstellung Toyen (26.9.21 – 13.2. 22) ist ein von der Hamburger Kunsthalle initiiertes internationales Kooperationsprojekt, das die Künstlerin zusätzlich mit und in der renommierten Nationalgalerie in Prag, ihrer Geburtsstadt und seit 30 Jahren Partnerstadt Hamburgs (8.4. ­ 15.08.21) sowie dem Musée d’Art Moderne de Paris, Musées Paris in der Stadt ihres Exils (25.3. – 24.7.22) vorstellt. Umfassende, reich illustrierte Kataloge auf Deutsch, Englisch, Tschechisch und Französisch begleiten die Ausstellungen. Weitere Informationen zur Ausstellung unter https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/toyen. Den umfassenden, reich illustrierten Katalog gibt es im Shop der Kunsthalle.