Doppelter Nolde in Hamburg: ein Ausstellungsbesuch

„Bergriesen“ nennt sich dieses Gemälde von Emil Nolde

„Künstler sind nicht automatisch gute Menschen und in einer demokratischen Gesellschaft ist es wichtig, miteinander und über ein Werk zu reden”. So Kathrin Baumstark, Leiterin des Bucerius Kunst Forums, bei der Eröffnung der Ausstellung „Nolde und der Norden” über eben jenen (durchaus umstrittenen) Künstler.

Die enge Beziehung Noldes zu Hamburg ist nicht nur eine Folge seiner Nähe zu Seebüll, der Heimat des Künstlers. Sie ist vielmehr in vielen Ausstellungen und Arbeiten gewachsen. Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum zeigt die frühen Werke und Untersuchungen seiner Maltechnik. Auch Noldes dänische Epoche ist hier Thema, sowie der dänische Einfluss auf sein stilistisches Werk.

Glühender Anhänger des Nationalsozialismus

Auch ein Gemälde, das Noldes Ehefrau Ada zeigt, ist Teil der Ausstellung

Neue Einblicke in das Werk des Künstlers nach der bahnbrechenden Ausstellung „Emil Nolde – Ende einer Legende” im Hamburger Bahnhof in Berlin, der den Künstler nicht gerade als Mitläufer des Nationalsozialismus enttarnte. Der Expressionist war den damaligen Machthabern ein Dorn im Auge, obwohl er sich als Künstler und glühender Anhänger eben diesen anbiederte. 1934 wurde er Mitglied der nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig. Seine Werke passte er trotz gezielter Ausgrenzung dem Zeitgeist an, ohne seinem Stil untreu zu werden. Der späte Nolde widmete sich den heroischen Figuren der norddeutschen Sagenwelt, seine Figuren und Geschöpfe wurden blonder und blauäugiger.

Die Ausstellung im Bucerius Kunstforum ist in harmonischer Zusammenarbeit mit der Stiftung in Seebüll entstanden und mit einigen imposanten Werken dänischer Maler angereichert, von denen Nolde sich inspirieren ließ.  Vilhelm Hammershøi Viggo Johansen (phantastisches Weihnachtsbilde) und Kristian Zahrtmann.

Die Ausstellung fokussiert sich auf Noldes Vorbilder und Inspirationsquellen. Ebenfalls reflektiert die Hängung die künstlerische Ehe mit Ada Hilstrup die er in der frühen dänischen Phase als geborener Hans Emil Hansen aus dem Dorf Nolde kennenlernte. Nach seiner Übersiedlung nach Dänemark und seiner Berliner, St. Gallener Zeit nannte sich der in der Künstlersymbiose lebende Maler fortan nach seinem Geburtsort (Nur wenige Kilometer von Seebüll nahe Tøndern entfernt) Ada unterstützete als eigenständige Künstlerin den Geniekult und teilte ebenfalls seine antisemitische Haltung.

Nolde in der Kunsthalle: ein anderer Aspekt

„Herr und Dame im Roten Saal“ sind in der Hamburger Kunsthalle zu erleben

Die elf in der Kunsthalle hängenden Nolde-Werke sind Teil eines interdisziplinären Forschungswerkes aus Kunsthistorikern, Naturwissenschaftlern, Provenienzforschern und Restauratoren. Die Analyse widmet sich der Arbeitsweise Emil Noldes: wie abstrakt , konkret arbeitete er? Das Gemälde „Schlepper auf der Elbe” 1910 (gibt es auch als Grafik im Kupferstichkabinett) ist auch nach Durchsicht mit Infrarotlicht im Arbeitsprozess des Künstlers gut durchleuchtet, die Ideologie des Künstlers ist hier nicht zu finden.

Beide Ausstellungen widmen sich dem technischen Handwerk und den biografischen Abschnitten. Der Hamburger Doppelschlag ist ein guter Zeitpunkt dem Zeitgeist zu trotzen, in dem inkriminierte Künstler eher abgesagt werden. Cancel Culture –  von wegen. Hamburgs Haltung ist es eher, sich dem diskursiven Austausch zu stellen. Alexander Klar, Direktor der Hamburger Kunsthalle, findet dementsprechend auch, dass es keine Option sei, Nolde nicht zu zeigen „Es ist aber auch keine Option, ihn unkommentiert zu zeigen”.