Interview: Dr. Anna Joss, die Anwältin der Baukultur

Alles im Blick: Anna Joss (r.)

Anna Joss studierte Geschichte, Kunstgeschichte und neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Sie war zunächst Projektleiterin Denkmalpflege im Amt für Städtebau der Stadt Zürich und übernahm im Anschluss daran dort die stellvertretende Leitung der Denkmalpflege. 2018 wechselte sie nach Hamburg, dort zunächst als Leiterin des Referats Bau- und Kunstdenkmalpflege sowie die stellvertretende Leitung des Denkmalschutzamtes Hamburg. Jetzt ist sie Amtsleiterin des Denkmalschutzamtes. Wir trafen sie zum Interview.

Was genau gehört zu Ihren Aufgaben als Leiterin des Denkmalschutzamts?

Als Leitung setzte ich die Ziele für die Erforschung, Erfassung, den Schutz und die Pflege der Kulturdenkmale in Hamburg und bin dafür verantwortlich, dass gute Rahmenbedingungen für deren Umsetzung geschaffen werden.

Ich leite drei Teams mit insgesamt 36 Mitarbeitenden: Denkmalkunde, Bau- und Kunstdenkmalpflege sowie Steuern und Service. Die Ersten beurteilen, was ein Denkmal sein könnte, befassen sich intensiv mit der Geschichte der Gebäude und Anlagen; die Zweiten sind die Praktiker/innen, die Bauvorhaben begleiten und viel auf Baustellen sind. Die Dritten kümmern sich hauptsächlich um steuerliche Vergünstigungen, die Denkmal-Eigentümer/innen geltend machen können. Im Weiteren ist auch die Welterbe-Koordination im Denkmalschutzamt angesiedelt.

Interview: die Deichtorhallen
Bauwerk mit Geschichte: die Deichtorhallen.@Henning Rogge

Gibt es aus Ihrer Sicht Verbesserungsbedarf und wenn ja, wo?

Ähnlich wie in anderen finanzkräftigen Großstädten Europas ist der Erneuerungsdruck auf den Baubestand auch in Hamburg enorm. Die Stadt kann stolz sein auf ihre vielfältigen Denkmäler, wobei es besonders herausragende Gebäude und Anlagen aus der Zeit des 20. Jahrhunderts gibt. Gerade ihnen müssen wir unser besonderes Augenmerk schenken, dass sie gepflegt und erhalten werden.

Was sollte Ihrer Ansicht nach baldmöglichst unter Denkmalschutz gestellt werden?

Die Zeit von 1975 bis 1995 ist eine Zeitschicht, deren Denkmäler noch nicht erfasst sind. Wir prüfen deshalb gerade um die 730 Objekte aus dieser Zeit, um eine Auswahl davon in die Denkmalliste aufzunehmen.

Interview: das Chilehaus
Auch das Chilehaus gehört zu den Baudenkmälern

Welche historischen Highlights würden Sie mit Freunden besuchen?

Vom Chilehaus statt in die Innenstadt in die andere Richtung: vorbei an den Deichtorhallen, den Großmarkthallen, dem Ensemble Brandshofer Deich, der Großtankstelle Brandshof, den Zollanlagen bis zum sogenannten „Warmwasserblock“ auf der Veddel ist eine meiner Lieblingsspazierstrecken mit Besucher/innen.

Hamburgs historisches Erbe umfasst auch auf seine historischen Schiffe. Haben Sie ein Lieblings-Schiff und wenn ja: welches?

Das Feuerschiff Elbe 3? Die Stettin? Segelschiff Freddy? Oder…? Ich kann mich nicht entscheiden, genauso wie ich mich auch für kein einziges Gebäude oder für ein Gartendenkmal entscheiden könnte; die Vielfalt der Denkmäler Hamburgs fasziniert mich.

Interview: die Stettin
Maritime Stadtgeschichte: die Stettin