Zitronenjette: eine von vielen, und doch einzigartig

Das Denkmal der Zitronenjette

Zum internationalen Weltfrauentag erzählen wir euch heute einmal etwas über ein echtes Original, das ganz typisch für ihre Zeit war – und trotzdem einzigartig. Die Rede ist von der Zitronenjette.

Auf den Straßen der Hamburger Neustadt und auf St. Pauli ist Ende des 19. Jahrhunderts oft ein charakteristischer Ruf zu hören: „Zitroon, Zitroon, frische Zitroon“. Mit diesen Worten wirbt Johanne Henriette Marie Müller für die Südfrüchte, die sie an den Mann bringen wollte. Das brachte ihr den Spitznamen Zitronenjette ein.

Geboren wird sie am 18. Juli 1841 in Dessau. Doch sie ist nur wenige Monate alt, als ihre Mutter mit ihr nach Hamburg zieht – sie sucht Arbeit. In der reichen Hansestadt landen die beiden im Gängeviertel, damals der größte Slum Europas. Bereits mit 13 Jahren ist die nur 1.35 Meter große Henriette als fliegende Händlerin in Hamburg unterwegs. Am Hafen kauft sie den Matrosen Zitronen ab und zieht damit durch Hamburgs Straßen.

Zitronenjette: Radierung der Gängeviertel
Das Gängeviertel auf einer Radierung von Alb Fothe. ©SHMH/MHG

Dabei ist die Zitronenjette eine durchaus auffallende Gestalt. Nicht nur, weil sie kleinwüchsig ist, sondern auch wegen ihrer Kleidung: Zu einem (für damalige Verhältnisse) kurzen Rock trägt sie eine Schürze in leuchtendem Blau. Das macht sie aber nicht nur sichtbar, sondern auch zur Zielscheibe von Spott und Häme. Vor allem die Kinder laufen ihr hinterher und belegen sie mit allerlei Schimpfnamen. Ein Schicksal, das sie mit Hamburgs zweiter Kultfigur teilt: Hans Hummel.

Nachts verkauft die Zitronenjette ihre Früchte in den Spelunken in der Neustadt und rund um die Reeperbahn. Dort machen sich viele Kneipengäste einen Spaß darauf, die Zitronenjette mit Schnaps abzufüllen und sich dann über sie lustig zu machen. Auch die Tatsache, dass sie kaum rechnen kann, nutzen ihre Kunden aus – und hauen sie schamlos übers Ohr.

Schließlich wird die Straßenhändlerin alkoholkrank. 1894 liest sie die Polizei auf der Straße auf. Sie wird entmündigt und mit der Diagnose „Trunkenheit“ und „Schwachsinn“ in die „Irrenanstalt Friedrichsberg“ in Barmbek gebracht. Dort bleibt Johanne Henriette Müller bis zu ihrem Tod und ist in der Küche beschäftigt, wo sie Kartoffeln schält und Gemüse putzt.

Kultfigur dank Theater

Zitronenjette: Szene aus einem Theaterstück
Auch heute noch ist die Zitronenjette auf der Bühne zu sehen. Hier auf dem Dom im Dithmarscher-Zelt

Während die Zitronenjette im Irrenhaus sitzt, macht sie das Ernst-Drucker-Theater (heute St. Pauli Theater) zur lokalen Legende: Dort steht sie 1900 erstmals im Mittelpunkt einer volkstümlichen Posse. In den 1920er Jahren gibt es im gleichen Theater ein zweites Stück über die Straßenverkäuferin. Geschrieben wurde es von Paul Möhring. Auch diesmal übernimmt die Rolle der Zitronenjette ein Mann – wie damals üblich. Eine Tradition, der auch Henry Vahl folgte. Denn der ist in den 1970er Jahren als Zitronenjette erfolgreich.

Ein Denkmal für die Straßenhändlerin

Seit Mitte der 1980er Jahre macht ein Denkmal an der Ludwig-Ehrhard-Straße auf das Schicksal der Zitronenjette aufmerksam. Es steht in der Nähe der Krameramtsstuben und des Michels – also dort, wo sie zu Lebzeiten ihre Früchte verkaufte. Vor allem wegen der Inschrift auf dem Denkmal ist ein Besuch ein Muss: „Dien Leben wer suur as de Zitroonen, sall sick dat Erinnern an di lohnen? Dien Schiksol wiest op all de Lüüd, for de dat Glück het gor keen Tiet“ (Dein Leben war sauer wie die Zitronen, soll sich das Erinnern an dich lohnen? Dein Schicksal weist auf all die Leute, für die das Glück gar keine Zeit hat). 

Zitronenjette: In der Gegend rund um die Krameramtstuben verkaufte sie ihre Früchte
In der Nähe des Denkmals: die Krameramtstuben

Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass der vorgestreckte Finger der Skulptur, im Gegensatz zum Rest des Denkmals, ganz blankpoliert ist. Das hat auch seinen Grund: Der Zitronenjette die Hand zu reichen, soll nämlich Glück bringen – etwas, was der kleinen Straßenhändlerin aus den Elendsquartieren der Stadt nie vergönnt war.

Die Inschrift am Denkmal der Zitronenjette