Mit der Bahn nach Rügen – Insel mit vielen Gesichtern

 „Man sitzt insgesamt viel zu wenig am Meer“. Der Verfasser dieser Internet-Grußkarte, die oft bei Facebook geteilt wird, ist unbekannt. Aber er hatte recht. Ein Aufenthalt am Meer macht nämlich glücklich. Schon am ersten Anblick denkt man unwillkürlich: endlich! Und auch wenn das Wellenrauschen bisweilen lauter ist als die tägliche Geräuschkulisse im Großraumbüro – es klingt dennoch wie Musik in den Ohren gestresster Menschen. 
  Darüber hinaus bringt ein Tag am Meer die Kindheit zurück. Diese besonderen Momente, in denen man barfuß über den nassen Sand lief, immer auf der Suche nach Kostbarkeiten, die der Ozean freigeben würde, und man sicher war, dass die Sommerferien endlos dauern würden. Das weiß man als Erwachsener (leider) besser. Genau deshalb sollte man die freie Zeit auch mit allen Sinnen genießen. Beispielsweise auf Rügen. Dorthin gelangt man mit dem Ostseeticket der Deutschen Bahn nicht nur schnell und staufrei, sondern auch günstig. 
Eine Insel ist bekanntlich eine Welt für sich. Für Rügen allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Denn die Ostseeinsel, die Caspar David Friedrich mit seinem Gemälde der Kreidefelsen berühmt machte, bietet viele Welten – und eine ist schöner als die andere.
   Am berühmtesten ist sicher die der mondänen Bäderlandschaften in Binz und Sellin mit ihren prächtigen Hotels, die sich wie Perlen an der Küste aufreihen. Imposant und mit verspielten Jugendstilelementen geschmückt, sind sie Zeugnisse der vornehmen Bäderkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Was viele nicht wissen: Die wohlhabenden Gäste reisten damals oft mit dem Schiff nach Rügen – und suchten sich ihr Hotel nach dem Anblick aus, was es von Bord aus bot. Deshalb erstrahlten die Häuser auch in blendendem Weiß. So waren sie bis weithin zu sehen. Untrennbar mit dieser Zeit verbunden sind auch die legendären Seebrücken der Badeorte. Darüber sollte jeder Besucher mindestens einmal flaniert sein. Am schönsten ist dieser kleine Spaziergang, wenn die untergehende Sonne die Ostsee mit einem Hauch von Gold überzieht. 
Wer sich das Meer einmal aus ungewohnter Perspektive aus anschauen möchte: Die Tauchgondel, die direkt an der Seebrücke von Sellin stationiert ist, nimmt den Gast mit in die Tiefe und präsentiert einen Blick auf die erstaunlich lebendige Unterwasserwelt der Ostsee mit flitzenden Krabben und flinken Fischen. 
  Während es in den Ostseebädern Binz und Sellin, aber auch Baabe und Göhren bunt und lebendig zugeht, bezaubert die Halbinsel Mönchgut vor allem durch ihre unberührte Natur, die zu langen Wanderungen ebenso einlädt wie dazu, sich einfach auf ein Fleckchen Erde fallen zu lassen, und den Wolken beim Vorbeiziehen zuzusehen. Mönchgut gehört übrigens zum Biospährenreservat Südost-Rügen mit besonders vielen endemischen Pflanzen.  Darüber, wo Caspar David Friedrich sein berühmtes Felsen-Bild gemalt hat, streiten sich bis heute die Gelehrten, wobei die Mehrheit mittlerweile die Formation Kleine Stubbenkammer als Ursprungsort ausmacht. Bisweilen jedoch ist noch die Rede davon, die sogenannten Wissover Klinken haben dem Maler der Frühromantik Modell gestanden. Andere Kunstkenner gehen davon aus, dass Friedrich einfach unterschiedliche Felsen der Kreideküste zu einem Gemälde komponiert hat. Inspirationen hatte er auf jeden Fall genug. Davon kann sich der Inselbesucher bei einem Strandspaziergang entlang der Küstenlinie selbst überzeugen. Der Kontrast von grünem Wald, weißen Felsen und blauem Meer ist atemberaubend. Und ein genauer Blick auf den Sand zu den Füßen kann sogar die eine oder andere Kostbarkeit zutage fördern. Bernstein beispielsweise, Seeigel oder sogar einen Hühnergott. Gäste, die bei diesem Begriff fragend die Augenbrauen hebt, beweisen damit, dass er noch nicht auf Rügen war. Denn dort ist das Wort Hühnergott für einen Feuerstein mit einem Loch darin gang und gäbe. Er gilt übrigens als Glücksbringer. Seinen Namen hat dieser Feuerstein daher, dass man ihn früher aufgehängt hat, um das Federvieh vor allerlei Unbill zu schützen. 
  Apropos früher: Geschichtsfans kommen um einen Besuch des Kap Arkona nicht vorbei. An der Nordspitze der Insel sind sogar noch Spuren der Ranen zu besichtigen, ein slawisches Volk, das vom 7. bis ins 12. Jahrhundert auf Rügen ansässig war und unter anderem einen imposanten Verteidigungswall und eine Tempelanlage errichteten. Und wer sich nicht für Historie interessiert? Der genießt einfach den Blick aus 45 Meter Höhe auf die endlose Weite der Ostsee und das Wetter. Das Kap Arkona hat bereits mehrfach das Prädikat sonnenreichster Ort Deutschlands erhalten (auch wenn Südlichter das für Seemannsgarn halten).
Bequem erreichen lassen sich die schönsten Punkte Rügens per Bus bis in die Nähe des jeweiligen Ziels und dann natürlich zu Fuß. Diese Möglichkeit der Entschleunigung sollte man auf dieser traumhaften Insel auf jeden Fall nutzen. Macht man im Alltag ja viel zu selten…