FrauenFreiluftGalerie: Starke Frauen im Großformat

„Mädchen in Sicht – Zukunft im Hafen“, 2012 | Große Elbstraße 210-212, Treppe zwischen Halle XII und XIII. | 9 Mädchen der Malschule in der Hamburger Kunsthalle unter Anleitung von Hildegund Schuster

Text und Fotos: Petra Bassen

„Frauen ans Ruder“ – der Titel der ersten Wandmalerei ist schon fast programmatisch für die FrauenFreiluftGalerie: Auf aktuell 12 großformatigen Wandgemälden am nördlichen Elbeufer vom Fischmarkt entlang der Großen Elbstraße bis Oevelgönne zeigt sie den Wandel der Arbeit von Frauen im und für den Hafen von 1900 bis heute.

Die Frauen wurden buchstäblich sichtbar gemacht von Künstlerinnen aus Deutschland, Argentinien, New York und London in einer bundesweit einzigartigen Open-Air-Galerie zum Thema Frauenarbeit. Unterwegs mit der Künstlerin und Wandmalerin Hildegund Schuster, Mitbegründerin und Leiterin der Galerie, lässt sich auf dem zwei Kilometer langen Kunstspaziergang selbst bei grauem Schmuddelwetter wunderbar Farbe tanken und allerlei Wissenswertes erfahren – tolle Aussichten auf die Elbe und das gegenüberliegende Hafengelände inklusive.

„Demonstrantinnen“, 1997, Große Elbstraße 164, Rückwand. Entwurf: Cecilia Herrero. Realisation: Cecilia Herrero, Hildegund Schuster.

Premiere am Hafengeburstag

Hildegund Schuster hat selbst viele der Wandgemälde mitgestaltet, auch das erste Hamburger Frauen-Wandbild „100 Jahre Frauenarbeit im Hafen“ am ehemaligen Fischmarktspeicher, das anlässlich des 800. Hafengeburtstags im Jahr 1989 vom Arbeitskreis Frauen im Museum für Arbeit geschaffen wurde.

Die 1000 qm bemalte Fläche dieses Vorgänger-Projektes wurde im Kolumbusjahr 1992 um 300 qm erweitert, um auch die andere Seite der Hafen-Erfolgsstory in den Blick zu rücken: denn häufig sind es gerade Frauen, die unter prekären Bedingungen meist zu Dumpinglöhnen diesen Erfolg ermöglichen. Nach dem Verkauf und Umbau des Speichers im Jahr 1994 haben die Kunst- und Kulturhistorikerin Dr. Elisabeth von Dücker, Hildegund Schuster und die Sozialwissenschaftlerin Emilija Mitrović, unter anderem mit Unterstützung der Kulturbehörde, zunächst zwei Wandflächen erhalten.

Aus den insgesamt 13 geplanten neuen kleineren Wandbildern entstand das künstlerische Langzeitprojekt FrauenFreiluftGalerie. Inmitten der in den 1990ern errichteten Bauten für Büros und Touristik schaffen sie Erinnerungspunkte für die teils nicht mehr sichtbare Geschichte der Frauenarbeit im und für den Hafen und laden ein zu Gesprächen und zum Reflektieren.

In den großformatigen Wandmalereien sind Frauen aus den un-
terschiedlichsten Arbeitsfeldern abgebildet: z. B. als Kaffeeverleserinnen, zur See fahrende Frauen, Hafenlogistikerinnen, Frauen in der Fischindustrie, Putzfrauen oder in verschiedenen Handwerksberufen. Schriftzüge begleiten und verstärken die Bildinhalte.

Frauen bei der Arbeit

„Ich hab‘ es stets schwerer gehabt als meine männlichen Kollegen“, wird eine der Seefahrerinnen in einem der Gemälde, das vor 10 Jahren gemalt wurde, zitiert. Auch heute würden dies wohl noch sehr viele Frauen unterschreiben. „Ohne Not geht niemand zu den Fischen“ – und damit war die Fischverarbeitung wohl Frauensache. Das aus bemalten Aludibondplatten bestehende Werk „Frauen in der Fischindustrie und am Fischmarkt“ zeigt an einer Stützmauer der Straße die verschiedenen Arbeitsschritte in der Fischverarbeitung. Daneben bildet dieses zuletzt entstandene Werk der Galerie aber auch Unternehmerinnen ab, die „das Ruder übernommen“ und die Betriebe ihrer Väter übernommen haben – ein Zeichen des Wandels im Hafen. 

„Frauen bei der Kaffee-, Tabak- und Bananenernte“, 1994 | Große Elbstraße 164, Ostwand | Entwurf und Ausführung: Cecilia Herrero, Janet Pavone, Hildegund Schuster

Aber auch Prostitution und Zwangsarbeit werden thematisiert. So gedenkt „Für die Frauen am Dessauer Ufer“ an Lucille Eichengreen, eine gebürtige Eimsbüttlerin, einzige Überlebende ihrer Familie des Holocausts. Als 17-jährige musste sie im Ghetto den Hungertod ihrer Mutter erleben, war in Auschwitz und ab 1944 in Hamburg in den Außenlagern des KZ Neuengamme am Dessauer Ufer und in Sasel interniert, musste dort Schwerstarbeit leisten: schwere Trümmer, Eisenträger und Glassplitter beseitigen – mit bloßen Händen, ausgehungert und kahlgeschoren. Ihr Gedicht „Haare“ ist Teil des Wandgemäldes.

„Frauen bei der Kaffee-, Tabak- und Bananenernte“ ist wohl eines der bekanntesten Bilder, das die gesamte Hausfläche direkt neben dem Restaurant Henssler & Henssler einnimmt. Es nimmt wieder die unfairen Handelsbedingungen zwischen Lateinamerika und Hamburg auf und weist zudem im unteren Bildteil auf unseren achtlosen Konsum mit seinen Müllbergen hin. Das von der Argentinierin Cecilia Herrero, der New Yorkerin Janet Pavone und Hildegund Schuster gemalte Bild erinnert an die häufig sozialkritischen Wandmalereien in Mexiko (murales) der 1920er Jahre.

Demos und Streiks

„Der Streik der Kaffeeverleserinnen“, 1996. Große Elbstraße 164, Treppe hinter dem Haus. Entwurf und Realisation: Hildegund Schuster

„Der Streik der Kaffeeverleserinnen“ rückt ins Bewusstsein, dass diese mit ihrem Ausstand 1896 den Auftakt zum großen Werft- und Hafenarbeiterstreik bildeten. Sie stritten für bessere Arbeitsbedingungen (ein Arbeitstag von nur noch neun Stunden) und mehr Lohn (aber immer noch nur ein Bruchteil des Lohns von Männern). Auch die Demonstrationen in den späten 1990ern finden sich an einer Hauswand. Unter Anleitung von Hildegund Schuster hat eine Gruppe 12-17-jähriger Mädchen aus der Malschule der Hamburger Kunsthalle in den Pfingst- und Sommerferien nach Interviews in den Handwerksbetrieben das Bild „Mädchen in Sicht – Zukunft im Hafen“ entworfen und gemalt.

Die Rolle unterschiedlicher Ethnien im Hafen bringt die New Yorker Künstlerin Braun-Reinitz auf ihre Weise in das Projekt ein. In dem Wandgemälde am Gebäude der Seemannsmission verwendet sie orange als Hautfarbe, um letztlich alle Arbeiterinnen, unabhängig von deren Herkunft, gleichzustellen.

Insgesamt ein Themenspektrum, das nichts an Aktualität eingebüßt hat. Finanziert und erhalten wird die Galerie durch Spenden und öffentliche Mittel, u. a. des Bezirks Hamburg-Altona und der Behörde für Kultur. Nach von Dückers Tod im Juli 2020 wird die FrauenFreiluftGalerie maßgeblich getragen von Hildegund Schusters ehrenamtlichen Engagement. Für Erhalt und Restaurierung sowie leider auch immer wieder die Übermalung von Graffitis ist das Projekt auf Sach- und Geldspenden angewiesen. Ein Hamburger Kunstprojekt, das Unterstützung verdient, finde ich!

Hildegund Schuster bietet individuelle Touren (deutsch und englisch.) an. Den Kontakt und weitere Informationen finden Sie unter http://www.frauenfreiluftgalerie.de. Informationen vor Ort bieten zudem QR Codes und Flyer neben den Bildern. Die Galerie ist zu jeder Uhrzeit frei zugänglich und bestens öffentlich über Bus, Bahn oder Fähre erreichbar. Produktionskonto: Hildegund Schuster, IBAN: DE07200700240700749500, BIC: DEUTDEDBHAM