NEW IN TOWN

Karsten Jahnke Konzerte (KJ Projects) und Amplifire Festival:

Wo das Genre Rock wieder verstärkt Feuer fängt.
Hamburg hat ein neues Festival. Und es ist eines, das seinen Namen nicht zufällig trägt. Amplifire – ein Wortspiel aus „Amplifier“ und „Fire“ – ist weniger eine weitere Veranstaltung im ohnehin dicht gedrängten Hamburger Festivalsommer als vielmehr eine lautstarke Parole: für Gitarren, Verstärker, Schweiß, Haltung und die ungebrochene Lust am gemeinsamen Krach.

Auf dem Gelände des MS Artville in Wilhelmsburg feiert das Amplifire seine Premiere. Die Fläche zwischen Reiherstieg-Hauptdeich und Alter Schleuse ist kompakt, die Wege zwischen den drei Bühnen (Nest, Vorschot, Butterland) kurz. Das schafft etwas, das vielen großen Festivals abhandengekommen ist: Nähe. Rund 5000 Menschen kommen zum Auftakt – und schnell entsteht eine Atmosphäre, die weniger nach anonymem Großevent als nach einem großen, etwas chaotischen Familientreffen aussieht.

Dabei ist diese Familie erstaunlich vielfältig. Es steht der ergraute Altrocker in seiner Jeanskutte neben jungen Frauen mit bunt gefärbten Haaren, Punk neben Indie, Hardcore neben Powerpop. Vor allem aber fällt auf, wie selbstverständlich Frauen und queere Künstlerinnen und Künstler auf den Bühnen präsent sind.

Das Amplifire will Rockmusik nicht als nostalgische Männerdomäne verwalten, sondern sie neu und vielfältig denken.
Schon das Festivalgelände macht diese Haltung sichtbar. Neben dem Logo des stromumwitterten roten „A“ prangt an einem alten Industriegebäude das Wort „Feminis-Muss“. Es ist eine deutliche Ansage – und sie passt zu einem Line-up, das bewusst auf Entdeckungen und Frauenpower setzt.

Eine dieser Entdeckungen ist HotWax aus Brighton. Das Trio um Sängerin und Gitarristin Tallulah Sim-Savage verbindet Post-Punk, Grunge und Alternative Rock zu einem Sound, der gleichzeitig roh und melodisch wirkt. Ihre Songs erzählen von Schmerz, Akzeptanz, Coming-of-Age und gesellschaftlichen Erwartungen an den weiblichen Körper. Nichts daran wirkt glattgebügelt: HotWax bringen die Energie einer jungen Band mit, die ihre Wut nicht versteckt, sondern in treibende Gitarren und unmittelbare Songs verwandelt.

Ähnlich aufregend ist das Hamburger Trio Still Talk, das sich zwischen Alternative Rock, Indie und emotional aufgeladenem Gitarrensound bewegt. Die Band steht exemplarisch für das, was das Amplifire neben seinen großen Namen ausmacht: Man kommt wegen der bekannten Acts – und geht mit neuen Favoriten nach Hause.
Auch Van Holzen fügen sich hervorragend in dieses Bild. Die Ulmer Band steht für wuchtigen Alternative- und Modern Rock, für schwere Gitarren und eine dunklere, nach vorne drängende Energie. Diese Mischung aus Härte und Melodie gehört zum musikalischen Grundgerüst des Festivals.

Überhaupt beginnt das Amplifire dort, wo es wehtut. Skirt. aus Hamburg liefern Brachialpunk und Powerpop. Frontfrau Lena Harrison und Band schleudern eine Energie von der Bühne, die selbst eingefleischte Punks aufhorchen lässt. Bilder allein werden diesem Auftritt kaum gerecht – hier muss man den Schall spüren.
Das britische Duo Arxx (Gitarristin Hanni Pidduck sowie der Schlagzeugerin Clara Townsend) setzt einen reizvollen Kontrapunkt. Zwischen 80er-Pop, Indie und angepunktem Gitarrenrock entsteht ein Sound, der ebenso charmant wie eigenwillig ist. Die beiden Musikerinnen loben das Publikum, die Organisation und ihre Gastgeber – und schaffen damit Momente, in denen sich zeigt, dass ein Festival auch durch seine Atmosphäre und nicht nur durch Dezibel funktioniert.

Das Entdecken von Newcommern ist auf Festival immer wieder eine feine Sache und Ein guter Grund, sich auf die Angebote der Festivalmacher einzulassen.
Auf der großen Bühne machen sich Pabst am Freitag daran, ihr Berliner Noise- und Alternative-Rock-Brett solide auszubreiten. Verzerrte Gitarren, Grunge-Einflüsse und eine ordentliche Portion Rotzigkeit sorgen für Bewegung vor der Bühne. Vielleicht bleibt nicht jeder Song dauerhaft im Gedächtnis – laut und unterhaltsam ist das Ganze allemal.

Und dann kommt Frank Turner.
Der britische Folk-Punk-Sänger ist einer jener Künstler, die eine Festivalbühne nicht einfach bespielen, sondern in einen gemeinsamen Raum verwandeln. Zwischen persönlichen Geschichten, hymnischen Songs und der positiven Energie von „Positive Songs for Negative People“ gelingt ihm, was nur wenige beherrschen: Menschen gleichzeitig zum Springen, Mitsingen und mit seinen Balladen Feinfühlig abzurunden.

Bei Turner wird aus dem klassischen Circle Pit kurzerhand eine „Wand der Umarmungen“. Das ist mehr als ein netter Gag. Es beschreibt ziemlich gut, worum es bei seiner Musik geht: um Gemeinschaft, Verletzlichkeit und die Idee, dass Rock ’n’ Roll nicht nur Wut ausdrücken, sondern Menschen auch aufrichten kann. Wer ein Frank-Turner-Konzert verlässt, hat gute Chancen, gleichzeitig erschöpft, gerührt und glücklich zu sein.

The Get Up Kids brachten den Sound der 90er zurück nach Wilhelmsburg. Ihr melodischer Emo- und Alternative-Rock hat über Jahrzehnte kaum an Wirkung verloren. Frontmann Matthew Pryor fordert allerdings mehr Enthusiasmus vom Publikum – vielleicht auch, weil eine Band mit ihrer Geschichte durchaus die ganz große Bühne verdient hätte.
Am Ende des ersten Tages steht mit Biffy Clyro ein Headliner auf der Bühne, der das musikalische Fundament des Amplifire noch einmal in Großbuchstaben schreibt. Die schottische Band um Simon Neil liefert eine druckvolle, spektakuläre Show. Gitarren sägen, Lichtgewitter flackern, die Bühne wird zum Maschinenraum. Bei „The Captain“ fordert Neil das Publikum auf mitzusingen – und Hamburg lässt sich nicht lange bitten.

The Get Up Kids brachten den Sound der 90er zurück nach Wilhelmsburg. Ihr melodischer Emo- und Alternative-Rock hat über Jahrzehnte kaum an Wirkung verloren. Frontmann Matthew Pryor fordert allerdings mehr Enthusiasmus vom Publikum – vielleicht auch, weil eine Band mit ihrer Geschichte durchaus die ganz große Bühne verdient hätte.
Doch das Amplifire kann auch anders.

Blood Command bringen eine explosive Mischung aus Hardcore, Punk und Metal auf die Bühne. Ihre Musik ist kompromisslos, hektisch und maximal energetisch – Songs, die nicht um Erlaubnis bitten, sondern direkt nach vorn preschen. Inclusive Diving von Nikki Brumen.
Noch brachialer wird es mit John Coffey. Die niederländische Band verbindet Hardcore, Punk und Metal zu einem Sound, der wie geschaffen ist für verschwitzte Festivalnächte. Hier geht es nicht ums stille Zuhören, sondern um Bewegung: Springen, Tanzen, Schreien – und gemeinsam den Kontrollverlust feiern.

Auch Turbostaat gehören zu den Bands, die das Fundament des Festivals besonders gut verkörpern. Die norddeutschen Punkrocker verbinden politische Haltung mit melancholischen Texten und einem unverwechselbaren, treibenden Gitarrensound. Ihre Konzerte sind keine bloßen Nostalgieveranstaltungen, sondern zeigen, dass deutschsprachiger Punk auch nach Jahrzehnten noch relevant und unbequem sein kann.

Und dann ist da noch eine Band, die wie kaum eine andere für die Geschichte des politischen Punk steht: Bad Religion. Seit den frühen 1980er-Jahren verbinden die Kalifornier melodischen Punkrock mit gesellschaftskritischen Texten und klarer politischer Haltung. Ihre Songs haben Generationen von Punkbands beeinflusst. Beim Amplifire treffen damit Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar aufeinander.
So entsteht über zwei Tage ein musikalisches Spannungsfeld, das bemerkenswert weit reicht. Zwischen Punk, Hardcore, Grunge, Emo, Alternative und Folk-Rock wird nicht versucht, alles auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Im Gegenteil: Die Unterschiede sind Teil des Konzepts.

Und genau deshalb funktioniert auch die Entscheidung, nicht ein Dutzend Bands gleichzeitig spielen zu lassen. Beim Amplifire bleibt Zeit zum wirklichen Zuhören. Man muss nicht über das Gelände hetzen, um möglichst viele Acts abzuhaken. Man kann einen Auftritt tatsächlich sehen – und danach in Ruhe entscheiden, was als Nächstes passiert.
Das klingt banal, ist aber im Festivalgeschäft beinahe schon revolutionär.
Hinzu kommt eine Infrastruktur, die ihren Teil zu einem entspannten Erlebnis beiträgt: saubere Toiletten, kurze Schlangen an den Getränkeständen und pünktliche Auftritte. Selbst beim Merchandise zeigt sich die Begeisterung. Das offizielle Amplifire-Trikot, eine Kooperation mit dem FC St. Pauli, wird schnell zum begehrten Erinnerungsstück – trotz eines stolzen Preises.

Vor allem aber zeigen Bands und Publikum Haltung. Zwischen Shirts von Foo Fighters, Mantar und Adam Angst tauchen Botschaften wie „FCK NZS“ und „Hirn gegen Hass“ auf. Bei Konzerten wird nicht nur gefeiert, sondern auch über gesellschaftliche Verantwortung gesprochen. Rauchen aus Hamburg verbinden ihre düstere Mischung aus Hardcore und Post-Punk mit einem Solidaritätsaufruf für Geflüchtete. Das Festival macht damit deutlich: Rockmusik darf laut sein – und sie darf etwas zu sagen haben.

Dabei hätte das Hamburger Publikum an diesem Wochenende genügend Alternativen. Das Wutzrock Festival lockt mit Acts wie I-Fire, dem Knarf Rellöm Arkestra und Pogendroblem. Auf dem Großmarkt gibt es beim Elbriot mit Powerwolf, Savatage und Danko Jones eine deutlich metallischere Konkurrenz. Der Hamburger Festivalsommer ist dicht besiedelt.
Dass das Amplifire trotzdem funktioniert, ist deshalb keineswegs selbstverständlich.
Es ist vielleicht sogar seine wichtigste Leistung: Das Festival schafft sich innerhalb eines übervollen Kalenders eine eigene Identität. Nicht durch Größe, sondern durch Konzentration. Nicht durch möglichst viele Bühnen, sondern durch kurze Wege. Nicht durch einen möglichst glatten Mainstream, sondern durch Kanten, Haltung und eine bewusste Mischung aus etablierten Namen und neuen Acts.

Noch ist die Kapazität nicht vollständig ausgeschöpft. Vielleicht ist genau das ein Teil des Charmes. Das Amplifire muss nicht sofort zum nächsten Hamburger Megaevent werden. Seine Stärke liegt zunächst darin, dass man hier noch das Gefühl haben kann, mittendrin zu sein.
Und später muss schließlich auch der Heimweg angetreten werden. Wohl dem, der mit dem Fahrrad unterwegs ist und beim Bier Maß gehalten hat – der Weg zur S-Bahn kann sich ziehen. Der gute RADweg führt durch den alten Elbtunnel in die Stadt.

Aber vielleicht gehört auch das dazu.
Denn nach zwei Tagen voller Gitarren, Geschrei, Schweiß, Haltung und gemeinsamer Euphorie bleibt primär ein Eindruck: Hamburg hat seinem Festivalsommer einen neuen, ziemlich lauten Ort hinzugefügt.
Das Amplifire ist entzündet.
Und es brennt.

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