KÜHE, KUNST UND NATUR

Ewald Matarés faszinierende Tierwelt im Jenischpark

Kühe, Pferde, Katzen und andere Tiere bevölkern derzeit das Ernst Barlach Haus im Hamburger Jenischpark. Die Ausstellung „Ewald Mataré – Nichts ohne Natur“. Tierplastiken widmet sich einem der bedeutenden deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts und zeigt, wie aus genauer Naturbeobachtung Kunst entstehen kann.

Rund 70 plastische Arbeiten und Werke auf Papier aus dem Museum Kurhaus Kleve sind in der Ausstellung zu sehen. Viele davon sind kleinformatig und auf den ersten Blick erstaunlich schlicht. Doch gerade die Reduktion macht den besonderen Reiz der Arbeiten aus: Ewald Mataré (1887–1965) wollte Tiere nicht möglichst naturgetreu wiedergeben. Er suchte nach ihrem „Wesen“ und ihrer „Essenz“.

Von Wangerooge zur Bildhauerei

Dabei begann Matarés künstlerische Karriere zunächst ganz anders. Er studierte Malerei und arbeitete als Maler in Berlin. Ein Sommeraufenthalt auf Wangerooge im Jahr 1920 sollte seinen weiteren Weg entscheidend verändern. Auf der Nordseeinsel entstanden mehr als 100 Holzschnitte. Gleichzeitig begann Mataré, mit angeschwemmten Fundhölzern zu experimentieren – und entdeckte darüber die Bildhauerei für sich.

Von da an rückten Tiere immer stärker in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Vor allem Kühe faszinierten Mataré. Er beobachtete sie genau, löste ihre Körper anschließend jedoch immer weiter von der naturgetreuen Darstellung. Aus Hörnern, Rücken, Beinen und Körpern wurden klare Linien, Flächen und Volumen.

Ein schönes Beispiel dafür ist die um 1929 entstandene Bronze „Kleine liegende Kuh“. Das Tier ist auf wenige Formen reduziert und besitzt dennoch eine erstaunliche Präsenz. Fast scheint es, als würde die Kuh gerade erst aus dem Material entstehen.

Kleine Werke mit großer Wirkung

Die Ausstellung zeigt, wie intensiv sich Mataré mit unterschiedlichen Materialien beschäftigte. Er arbeitete unter anderem mit Bronze, Silber, Zink, Nussbaum- und Ebenholz. Die Oberflächen seiner häufig kleinen Skulpturen bearbeitete er sorgfältig und machte die unterschiedlichen Eigenschaften der Materialien zu einem Bestandteil seiner Kunst.

Auch seine Arbeiten auf Papier folgen diesem Prinzip der Konzentration. Beim Holzschnitt „Drei Pferde“ von 1946 reichen wenige kraftvolle Linien aus, um Bewegung und Charakter der Tiere sichtbar werden zu lassen. Im Aquarell „Drei liegende Kühe“ von 1947 werden die Tiere mit ihren schwarz-weißen, beinahe geometrisch wirkenden Formen fast zu abstrakten Figuren.

Gerade diese Mischung aus genauer Naturbeobachtung und konsequenter Vereinfachung macht Matarés Werke auch heute noch überraschend modern.

Verfemt und trotzdem weitergearbeitet

Matarés Karriere wurde durch die Nationalsozialisten massiv unterbrochen. 1932 war er als Professor an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen worden. Bereits ein Jahr später verlor er seine Stelle, nachdem seine Kunst als „entartet“ diffamiert worden war.

Der Künstler arbeitete dennoch weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er 1946 als Professor an die Düsseldorfer Kunstakademie zurück und beeinflusste dort eine neue Künstlergeneration. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Erwin Heerich, Günter Haese und Joseph Beuys.

Damit erzählt „Nichts ohne Natur“ nicht nur von Matarés Faszination für Tiere. Die Ausstellung handelt ebenso von künstlerischer Beharrlichkeit, Freiheit und der lebenslangen Suche nach einer Form, die das Wesentliche sichtbar macht.

Kunst trifft Natur im Jenischpark

Ernst Barlach Haus. Das 1962 eröffnete und als ältestes Privatmuseum Norddeutschlands geltende Haus liegt mitten im Jenischpark und beherbergt eine bedeutende Sammlung des expressionistischen Bildhauers, Zeichners und Schriftstellers Ernst Barlach (1870–1938).

So entsteht ein spannender Dialog zwischen zwei bedeutenden Künstlern des 20. Jahrhunderts – und zugleich zwischen Kunst und Natur. Wer nach dem Museumsbesuch noch Zeit mitbringt, kann die Ausstellung deshalb gleich draußen fortsetzen: bei einem Spaziergang durch den Jenischpark Richtung Elbe.

EWALD MATARÉ – „NICHTS OHNE NATUR“. TIERPLASTIKEN

Ausstellung: 21. Juni bis 11. Oktober 2026
Ernst Barlach Haus – Stiftung Hermann F. Reemtsma
Jenischpark, Baron-Voght-Straße 50A, 22609 Hamburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr, an Feiertagen auch Montag
barlach-haus.de

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