Kolumne von Maximilian Buddenbohm – Walk like a tourist

Es sieht aus wie Sommer, es riecht wie Sommer, es fühlt sich sogar an wie Sommer, da kann man also ruhig einmal rausgehen. So richtig, unter freien Himmel. Die Museen laufen einem nicht weg, die warten geduldig, aber die Elbe, die läuft weg. Unentwegt läuft die weg, und dabei kann man ihr ja mal zusehen. Deswegen habe ich gemacht, was man als Hamburger gar nicht so häufig macht, ich war an den Landungsbrücken, im Museumshafen und am Elbstrand. Das ist ein Touristenprogramm wie aus jedem beliebigen Reiseführer, das machen sie alle, deswegen ist es eine sensationell dumme Idee, das am Freitagnachmittag bei strahlend blauem Himmel zu machen, aber das ging leider nicht anders.

Wir fuhren mit der Bahn zu den Landungsbrücken. Ich hatte meinen Sonnenhut auf und meine Kamera um, walk like a tourist, feel like a tourist, wenn schon, dann auch richtig  An den Landungsbrücken stiegen wir aus, die Idee hatten etwa tausend andere Menschen auch. Das Panorama war natürlich dennoch beeindruckend wie immer. Es geht einem durch und durch, wenn man da oben steht und den Hafen sieht. Man kann nicht anders, als Hamburger, man erlebt es immer wieder gleich. Obwohl man im Alltag mit dem Hafen nichts, rein gar nichts zu tun hat, steht man doch mit einem unsinnigen Stolz auf der S-Bahnbrücke an den Landungsbrücken, sieht elbabwärts über Kräne, Fähren und Frachter hinweg und es ist einem zumute, als hätte man an den historischen Landungsbrücken damals eigenhändig mitgemauert, als hätte man danach 20 Jahre bei Blohm & Voss Schicht geschoben, so authentisch hamburgisch fühlt man sich hier. Man möchte die kleinstädtische Heimat verleugnen, aus der man irgendwann in grauer Vorzeit zugereist ist, man möchte fremde Menschen in den Arm nehmen und schunkelnd “Hamburg, meine Perle” singen, man möchte den Touristen zurufen, dass man von hier sei, dass man hier wohne, dass man das jederzeit haben könne, jeden Tag, und sie nicht! Ha! Und dann die Söhne an die Hände nehmen, mit ihnen auf den Fluss blicken in Richtung der schon tief stehen Sonne und mit weit ausholender Geste theatralisch verkünden: “Eines Tages, Jungs, eines Tages wird das alles euch gehören.” Und die Söhne gucken hoch zum ernst blickenden Vater und fragen, wann sie jetzt ein Eis haben können, die kleinen Banausen. Ein letzter Blick von oben auf die Elbe, dann geht es runter, zum Anleger der Fährschiffe. Fährschiffe kosten wenig und fahren oft, da kann man den routiniert dreisten Barkassenausrufer, der heiser immer wieder “Hierher, liebe Touris, kommt zu Papa, na kommt!” ruft, ruhig einmal ignorieren.

An einem beliebigen Werktag steigt man einfach in die Fähre nach Neumühlen, man geht auf das Oberdeck, stellt sich in den Fahrtwind und guckt sich in Ruhe alles an, was da während der Fahrt an einem vorbeizieht. Sollte man allerdings versehentlich an einem Freitag, Sonnabend oder Sonntag Fähre fahren, kommt man erst nach der Schlacht um die Gangway auf das Schiff und nach meiner Erfahrung ist das durchaus eine Herausforderung. Das war der Drängelrekord des Jahres, gar keine Frage. Dass die Menschen nicht direkt rechte Haken und Nierentritte einsetzen, es mutet fast erstaunlich an. Vorsicht vor unschuldig aussehenden Senioren mit Stöcken und anderen Waffen! Auch ein Rollator kann zum Streitwagen werden, das sind wirklich unschöne Szenen. Wenn man aber tatsächlich heil und mit allen Kindern oben angekommen ist, muss man nur noch gucken. Vielleicht muss man den Kindern noch hin und wieder etwas erklären, aber meistens gucken die auch einfach nur und das ist vollkommen in Ordnung. Schiff fahren ist super, da gibt es nichts, das ergreift verlässlich jede Altersklasse. Im Hamburger Hafen gibt es immer viel zu sehen, da ist für jeden etwas dabei. Seltsame Architektur, Werften, Containerschiffe, Segler, Motorboote, Ruderer, Kräne, Schlepper, Lotsen, hier dümpelt in einer Minute mehr an einem vorbei, als Ali Mitgutsch während der Fahrt zeichnen könnte.

Die Kinder waren mit der Fährfahrt zufrieden, die Erwachsenen waren zufrieden, alles war gut, wir fuhren auf den Museumshafen zu. Und dann zeigte sich der Wert einer guten Aussprache, denn vor uns lag der Eisbrecher Stettin, den man dort besichtigen kann. Ich sagte zu Sohn II: “Guck mal, ein Eisbrecher”, er verstand allerdings “Guck mal, ein Eisbecher”, woraufhin es einen längeren und heftigen Streit gab, weil ich nicht sofort den seiner Meinung nach doch gerade eben versprochenen Eisbecher herbeizaubern konnte, sondern nur ein blödes, altes Schiff. Wenn Sie diese Tour auch machen sollten und auf die Stettin zufahren, rollen sie besser das R, es ist ein Eisbrrrrrrecher. Im  Museumshafen kann man alte Schiffe besichtigen, teils gegen Eintritt auch von innen, das ist je nach Altersklasse der Gäste interessant oder uncool, man kann da aber auch ganz unverbindlich nur über die Kais stromern und kein Geld ausgeben. Dann geht man der Elbe nach an den Lotsenhäusern in Övelgönne vorbei, bis man an den Strand kommt.

Wobei Strand natürlich relativ ist. Es gibt Sand, es gibt Wellen, es gibt Menschen in Badekleidung, so weit ist es richtig. Aber es ist ein Großstadtstrand in einem riesigen Hafen, an einem stark befahrenen Fluß. Der Sand ist an vielen Stellen voller Grillreste, Kohlen und Knochen. Altglas und Kippen liege herum, zu zart besaitet darf man nicht sein, wenn man sich da ein Plätzchen sucht. Es ist hier etwas punky, aber hey, es ist eine Millionenstadt und nicht die Düne von Helgoland. Hunde laufen frei zwischen den ausgebreiteten Badelaken herum, Großfamilien aus aller Welt machen Picknicks, Punks machen Musik, Bauchladenverkäufer lassen bunte Papierdrachen steigen. Junge Frauen liegen auf dem Rücken und lachen in ihre Handykameras, verschicken Sommersonnenelbglücksbilder an irgendwen. Junge Männer sitzen daneben um angebrochene Sixpacks und um Grillzubehör. Kinder spielen kreischend in der Brandung. Die Brandung hat es in sich, man muss auf die Kinder aufpassen, das ist hier kein Planschbecken, das ist die Elbe. Da fahren Containerriesen und die haben ordentlich Verdrängung, die machen Wellen, die kleine Kinder schnell mal umschmeißen können und das Rollen der Brandung hat ordentlich Sog. Es ist kein einfaches Baderevier aus dem Katalog für Familienreisen, aber es gibt Sonne, Sand und Wasser und die Kinder geraten nach dem langen, nach dem überaus langen Winter geradezu in Ekstase, als sie die Sachen ausgezogen haben und zum ersten Mal wieder die Hände in den Sand graben. Sie spielen wild wie junge Hunde, Sand fliegt, Wasser spritzt, mit spitzen Schreien rasen sie durch die auslaufenden Wellen und man kann sich hinsetzen und zwei Stunden lang einfach nur zusehen, wie Glück geht.

Wenn jemand mit einem Totenkopf auf dem T-Shirt vorbeikommt, rufen die Söhne im Chor “Sankt Pauli!” und recken die Daumen hoch. Richtung Nordsee sinkt die Sonne immer tiefer, die Erwachsenen holen sich Bier von der nahen Strandperle.  Es riecht von allen Seiten nach Grillfleisch und die Hunde werden immer nervöser, sie laufen witternd und wedelnd zwischen den Familenrudeln hin und her. Bei der Strandperle gibt es auch Toiletten, das ist nicht ganz unwichtig, wenn man sich in der Nachmittagssonne ausreichend mit Flüssigkeit versorgt hat. Da ist die Pinkelrinne bei den Herren übrigens so niedrig, dass der große Sohn zum allerersten Mal im Leben da einfach so zwischen den Großen stehen kann, das passt alles. “Jetzt bin ich fast erwachsen”, sagt er, als er aus der Toilette kommt, denn viel kann da wohl nicht mehr fehlen, wenn man schon mit den Großen gemeinsam pinkeln kann, da ist es plötzlich egal, dass man erst fünf Jahre alt ist.

Eine vorbeifahrende Fähre tutet, weil ein Segler die Fahrroute kreuzt, wir liegen im Sand und sehen zu. Die Kinder haben sich müde getobt und sitzen vor uns, große Stücke Wassermelone in der Hand. Aus der einen Richtung hören wir türkische Popmusik und aus der anderen etwas, dass nach schrammeligem Punk klingt. Die Sonne glitzert im Strom und ein unfassbar großes Schiff schiebt sich ganz langsam vorbei. Wenn man nach Westen weiterfährt, dann kommt man an die Nordsee, die Möwen da oben sind vielleicht gerade auf dem Weg dahin. Und immer sieht es so aus, als sei das Meer schon hinter der nächsten Flussbiegung.

Es ist laut hier, es ist dreckig, es ist wunderschön. Es ist Hamburg an der Elbe und man könnte heulen, so toll ist das.

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