Inselzeit: Neuwerk

 Es gibt Orte, an denen die Zeit tatsächlich stehenbleibt … und an denen auch Menschen, die ansonsten immer etwas zu erzählen haben, plötzlich ganz still werden. Der Strand der Insel Neuwerk bei Sonnenuntergang bietet solche magischen Momente.

Zuerst füllen sich die Priele und dann nach und nach das Land, auf dem man eben noch stand, mit Wasser, das sich in Nuancen von Kupfer, Bronze und Gold über den Strand ergießt. Drüben an der Küste gehen langsam die Lichter an und auch auf dem Wasser beginnt es zu leuchten: Bojen,Tonnen und Barken markieren die Fahrrinnen. Denn hier, wo sich Nordsee und Elbe treffen, ist das Wasser nichts für Anfänger: Starke Strömungen und wandernde Untiefen machen es bisweilen unberechenbar.
Wie an so vielen anderen Orten mit ganz besonderem Zauber haben sich auch auf Neuwerk Natur und Geschichte verbündet, um eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen.

Vor rund 700 Jahren ließen die Hamburger auf der Elbinsel einen trutzigen Turm bauen. Die junge Hansestadt stand auf der Schwelle zu Zeiten von Wohlstand und Reichtum. Wenn, ja, wenn der Weg zum Hamburger Hafen nicht so voller Risiken gewesen wären. Jedes Schiff, dass hier draußen an der Elbmündung aufgrund der tückischen Untiefen kenterte, war leichte Beute für Plünderer. Noch heute meint man, sie hören zu können: den Trommelschlag galoppierender Hufe im Sand, das Knirschen der Wagenräder, die Rufe der Piraten, das Klirren der Säbel.

Soldaten und Türme

Die Ratsversammlung beschloss den Turmbau also aus Verteidigungsgründen und schickte nach der Fertigstellung auch gleich einen Trupp von Soldaten mit nach Neuwerk. Das brachte nicht nur mehr Leben auf die kleine Insel, sondern verschaffte ihr auch gleich einen neuen Namen „Nige Wark“, also neues Werk wurde sie nach Fertigstellung des Turms genannt.
Heute kann man in dem trutzigen Turm mit den bis zu drei Meter dicken Wänden übrigens auch ein Zimmer buchen. Insgesamt vier gibt es ganz oben, in der sogenannten „Herrenetage“, die früher Gästen des Hamburger Senats vorbehalten waren.

Wer einmal genau wissen möchte, was der moderne Begriff des „Entschleunigens“ eigentlich bedeutet, sollte auf Neuwerk ein wenig Zeit verbringen. Ein Rundgang dauert 90 Minuten, zu sehen gibt es Watt nebst Würmern, den verwitterten Friedhof der Namenlosen, auf dem seit 1301 Schiffbrüchige und Opfer der Piraterie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, Vögel, ein paar Pferde, Kühe und vor allem: Weite, Meer und Himmel satt. Mehr braucht die Seele nicht, um einen Alltag jenseits von Großstadthektik und Lärm zu finden.

Im Herz der Insel

Ein Abstecher ins Herz der Insel gehört allerdings doch noch dazu. Im „Anker“ treffen sich am Abend Wattführer, Besucher, Vogelkundler und Insulaner zum Klönschnack. Wenn der Wirt in Redelaune ist, erzählt er Ihnen vielleicht auch die Geschichte der letzten Piraten von Neuwerk. Die waren nämlich 1969 aktiv und plünderten den auf Grund gelaufenen Frachter „Emmanuel M“. Sogar das Fernglas des Kapitäns ließen sie damals mitgehen – der Polizei ist es nie gelungen, die Strandräuber zu fassen…

Und wie kommt man hin? Vom Hauptbahnhof Hamburg geht es per Zug nach Cuxhaven (Tipp: Mit dem Niedersachsenticket zahlt ein Reisender 23 Euro, jeder Mitreisende (maximal vier) nur vier Euro.). Vom Bahnhof in Cuxhaven bringt der Bus 1002 die Neuwerk-Entdecker dann nach Sahlenburg und von dort aus kann man wahlweise die Fähre oder den Pferdewagen nehmen. Wer es sportlicher mag, wandert über das Watt nach Neuwerk.