Gerd Rindchen: „Ich bin ein Hybrid zwischen den Welten“

Für eine Redakteurin wird es dann besonders schwer, leichtfingrig in die Tasten zu tippen, wenn sie ein Portrait über einen multidimensional talentierten Weinhändler schreibt, der selbst als Texter, Dichter und Autor Erfolge gefeiert hat.

Gerd Rindchen, der Inhaber der Rindchen’s Weinkontore in Norddeutschland, Berlin und München, konnte mit vier Jahren lesen und schreiben, mit sieben hat er sein erstes Gedicht veröffentlicht, war Jahrzehnte lang als Restaurantkritiker tätig und hat vor kurzem zwei Bücher über Wein und Genuss herausgebracht. Mit Texten beeindrucken kann man so einen Menschen wahrscheinlich gar nicht mehr.

Seine Hauptbeschäftigung im Leben ist aber, trotz viel Verantwortung, sein Leben voll und ganz auszukosten. Woraus sein Alltag besteht, beschreibt er bei einem Glas Cheverny in einem seiner Weinkontore in Eppendorf nach kurzer Überlegung: 40 Prozent Beschaffung und Einkauf, 30 Prozent Texten und Kommunikation, ansonsten kreiert er nebenher eigene Weincuvées mit befreundeten Winzern, betreut seine 90 Mitarbeiter und ist froh, seine Frau Christine als Mitinhaberin mit an Bord zu haben.

Eigene Entdeckungsreisen macht er heute für seinen Geschmack viel zu wenig. Aber auch wenn es nach viel Arbeit klingt, lässt er sich in keiner Weise aus der Ruhe bringen. Seine grundentspannte Art ist ansteckend und für die wichtigen Dinge im Leben wie Kochen und gut Essen bleibt immer Zeit und Energie übrig. Wenn es abends Mal zur Abwechslung nur Brot, Aufschnitt und Käse gibt, befürchtet sein Sohn Lukas, irgendwas stimme nicht.   Doch fangen wir von vorne an. Egal wie gut vorbereitet man auf ein Interview mit Gerd Rindchen auch sein mag, Spontanität ist gefragt. Bei so einem Treffen ist man ungewollt Teil seines lebensfrohen Alltags. Begrüßt hat er uns leger gekleidet, gerade aus Berlin angekommen und hungrig in seiner Altbauwohnung in Eimsbüttel. Direkt neben der Eingangstür hängt ein Schild: „Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein“. Dass so ein einfacher und doch tiefsinniger Spruch seine Wohnung schmückt, ergibt nach dem Kennenlernen immer mehr Sinn.

Mit seinem berühmten 68er Bully „Traugott 3“ düsen wir durch die Stadt Richtung Oberhafenkantine. Dort wird die erste Weinflasche aufgemacht. Die Chance, mit einem Kenner Wein zu trinken, sollte man keineswegs verpassen. Wie er Weinhändler wurde hat viel mit Traugott zu tun. Mit 18 Jahren und dem Wunsch, ein eigenes Auto zu haben, fing Gerd Rindchen an, Wein zu verkaufen und das ohne selbst bislang viel Wein gekostet zu haben. Seine Vorliebe dafür hat er doch sehr schnell entdeckt. Bald reiste er mit „Traugott 1“ nicht nur in die Pfalz und nach Rheinhessen, sondern sogar nach Frankreich, um persönlich von Winzern einzukaufen. Sein Motto, damals wie heute: qualitativ hochwertige Weine zu entdecken, die nicht unbedingt die Welt kosten.

„Wenn ein Wein bei mir viel kostet, dann heißt es auch was.“ Er entdeckt unbekannte Winzer, die ihr Fach verstehen. Daher bezahlt man auch maximal den eigentlichen Wert des Weins und nicht den Namen. Diese Philosophie hat sich als durchaus erfolgreich erwiesen: So wurde Rindchen´s Weinkontor gerade zum vierten Mal in Folge nach 2013, 2012 und 2011 bei einem der wichtigsten Weinwettbewerbe der Welt, der Berliner Wein Trophy, zu „Deutschlands Weinfachhändler des Jahres International“ gekürt.

Neben Frankreich reiste er dann auch bald nach Italien. Er war sein eigener Lehrling und hat sich selbst zum Weinkenner gemacht. Heute arbeitet er direkt mit Winzern aus 16 verschiedenen Nationen. Er bietet neben Wein auch weitere Delikatessen sowie besondere Olivenöle an und die Weinseminare sind inzwischen ein Selbstläufer. „Bei mir hat es sich einfach so ergeben, ohne einen Masterplan.“

Das erste Weinkontor eröffnete er dann mit 23 in der City Nord. Durch den schlechten Standort erweiterte er sein Angebot auf Mittagstisch und Weinausschank und war neun Jahre lang Wirt wider Willen. Das Kontor im Hofweg ist das älteste Hamburger Kontor. Im September eröffnet er die 10. Filiale in Hamburg, direkt ums Eck in der ehemaligen Fischhandlung Käthe und Julia Schlüter. Die Einrichtung wird zum größten Teil beibehalten. Jede Filiale hat ihr Eigenleben und ihr eigenes Sortiment.  Nach dem reichhaltigen Mittagessen und der ersten Flasche Wein wird ein Zwischenstopp an der historischen Tankstelle hinter dem Großmarkt gemacht, um Traugott in Nostalgie schwelgen zu lassen.

Im Weinkontor am Hofweg, am Alsterkanal sitzend, bei der zweiten Weinflasche, erzählt Gerd von seinem baldigen Urlaub in Indien. Eine zweiwöchige Ayurvedakur erwartet ihn und seine Frau. Dann kann er komplett abschalten. Der erfolgreiche Weinhändler hätte auch seine kaufmännische Karriere fortführen können, er merkte aber sehr schnell, dass er nicht wirklich hierarchiekompatibel ist und konzentrierte sich auf den Wein. Heute ist er selbst Chef von vielen, ohne abgehoben zu sein. Ihn zu Siezen wäre fast eine Beleidigung.  Seine Karriere als Dichter fing an, als er mit 16 Jahren auf Sylt mit Schnellgedichten Geld für seine Heimfahrt gesammelt hat. Bühnen- und Fernsehauftritte folgten. Auch wir kamen zum Abschied in den Genuss seiner Dichtkunst. In wenigen Minuten fügte er aus fünf Wörtern einen Reim zusammen. Dass „Traugott, Hamburg, Theater, merkwürdig und Wasser“ sich so schnell in ein Gedicht verwandeln, hätten wir nicht unbedingt erwartet.

Wieder bei ihm in seinem heimischem Kiez angekommen, trinken wir noch den letzten Wein in der kleinen Oase hinter der Wohnung, die sich sein Garten nennt. Sein Zuhause ist voller Überraschungen. Passend verzieren Weinmotive den Stuck der Decke. Rustikal und detailreich zugleich, spiegelt sein Heim sein Wesen wieder.

Er ist ein Dichter, wie man ihn malen würde. Er liebt guten Wein, bleibt bescheiden, ehrt den Genuss. Gerd Rindchen, mit pfälzischem Vater und ostpreußischer Mutter, der mit seinem Traugott von Bremerhaven nach Hamburg gekommen ist, lebt facettenreich. Er ist ein inspirierender Gastrosoph. In der Tat ein „Hybrid zwischen den Welten“, dessen Konstante sein Lebensgenuss ist.