Kolumne von Maximilian Buddenbohm – In Harry’s Hafenbasar

Wenn man von Harry’s Hafenbasar spricht, dann werden viele Hamburger nostalgisch, denn da war man meist als Kind schon, das gehört für Hamburger oder auch Norddeutsche zu einem seligen Damals. Das gehört zu einer Hamburger Kindheit einfach dazu, dass man irgendwann durch diesen überaus seltsamen Basar gegangen ist. Damals war der Hafenbasar noch in den Kellergewölben bei Harry Rosenberg, der mit seinem Rauschebart an der Kasse saß und der Wächter und Inhaber des Kellerlabyrinths war, in dem sich eine wunderliche Welt auftat. Räume und Gänge, immer noch einer und noch einer, vollgestopft mit den seltsamsten Dingen aus aller Welt. Seltsam beseelt wirkende Dinge, die irgendwann auf Gott weiß welchen Seewegen nach Hamburg gefunden haben und schließlich bei Harry landeten, der sie auf ein Regal setzte, auf dem schon zwanzig, dreißig ganz ähnliche Dinge lagen. In den letzten Winkeln der Welt erworben, ergaunert, erbeutet, wer weiß.

Harry gibt es längst nicht mehr, die Räume werden seit Jahren anders genutzt, aber den Hafenbasar, den gibt es immer noch. Oder wieder. Seit September letzten Jahres dümpelt die Essenz der Sammlung in einem Schwimmkran am Sandtorkai, in bester Hafencitylage. Da geht man jetzt also am neuesten Teil Hamburgs vorbei zu einer ganz alten Attraktion, das ist nicht ohne Komik. Da blickt nämlich der neueste Geldadel der Stadt aus modernsten Häusern auf ein altes Industrie-Schwimmding, in dem lauter Geräte für uralte Rituale lagern. Das Schild “Harry’s Hafenbasar” hängt ungelenk handgemalt an der Reling, der Ponton schaukelt, das alte Schiffsblech knarrt und klopft. Es ist ein wenig so, als wäre da ein Loch in der hyperschicken, kristallinen und blitzeblanken Hafencity, ein wüstes Loch im Elbeschlamm, aus dem plötzlich der Hafenbasar aufgetaucht ist, wie ein rostiges, trotziges Stück Althamburg.

Man zahlt geringen Eintritt und geht die Treppe hinab, unter Deck. Aber vorher zwei wichtige Hinweise. Da es im Hafenbasar eng, wirklich sehr eng ist, muss man begreiflicher Weise die Jacken ausziehen, bevor man da durchläuft. Ziehen Sie sich und den Kindern einen warmen Pullover an, sonst wird es einem schnell kalt da unten. Und erklären Sie den Kindern vorher und in Ruhe, dass sie da unten nichts anfassen dürfen und sich vorsichtig bewegen müssen. Kinder ab vier sollten das hinbekommen, ich habe so ein Exemplar dabei gehabt und es war problemlos. Unter vier Jahren dürfte das aber eher heikel sein. Unter vier Jahren ist es allerdings sowieso heikel, denn der Basar ist, da gibt es nichts, unheimlich. Der ist so unheimlich, dass kleine Jungs, die Spaß an Gruselgeschichten haben, gerne von Monstern lesen oder auch mal Abenteuerfilme sehen, mit offenem Mund und denkbar größtem Interesse durch die Sammlung gehen. Kleine Mädchen sicherlich auch, ich hatte nur heute keines dabei.

Es ist ziemlich nützlich, dass die Sammlung unheimlich ist, denn die Kinder fassen dadurch wirklich nichts an. Wirklich sehr hilfreich, diese böse blickenden Masken, die Vogelspinnen unter Glas, die Marionetten mit den wildverzerrten Fratzen. Die Gewehre, die Speere, die Messer. Die Krokodile, Krabben, Krebse, Kultgegenstände, Trommeln. Die Schrumpfköpfe – ja, die Schrumpfköpfe. Die sind echt, das waren einmal Menschen. Bevor ein Feind ihnen den Skalp abzog und anfing, die Kopfhaut nach obskuren Riten zu bearbeiten. Da steht eine lange Erklärung dabei, wieso es Schrumpfköpfe gibt und wo die herkommen. Eine Erklärung, die man den Kleinen vorlesen kann, aufmerksame Zuhörer sind garantiert. Der Sechsjährige kann das morgen vermutlich in der Vorschule auswendig vortragen.

Aber es lohnt auch schon, sich anzusehen, wie die Masken auf die Kinder wirken. Masken, die dort an jedem freien Zentimeter Wand zu hängen scheinen. Masken, von denen die Kinder natürlich wissen, dass es nur Masken sind. Hey, das ist einfach Holz, angemalt, beklebt, zurechtgesägt, mehr nicht. Masken haben sie auch selber schon gemacht, in der Kita. Masken sind wie Spielzeug. Und doch… wenn man die so ansieht… an der einen trauten sich die Söhne kaum vorbei. Ganz lange standen sie davor und es kostete sie sichtlich Mut, der Maske in die Augen zu sehen. Das sind magische Masken und das merkt man auch – die können was, das ist nicht nur schnuckeliges Kunsthandwerk. Im Hafenbasar möchte man auch als Erwachsener nachts lieber nicht eingesperrt sein, so viel kann man sagen.

Da kriegen Kinder einen interessanten Bezug zur Geschichte der Magie, das wirkt ganz anders als ein paar gemütliche und dunkelraunende Stellen in Kinderbüchern über stets freundliche Vampire und Zauberlehrlinge. Das hier ist Kulturgeschichte zum Erleben. Man kann als begleitender Elternteil übrigens ruhig wie nebenbei darauf hinweisen, dass der heutige Chef der Sammlung tatsächlich ausgebildeter Schamane ist und sich mit dem ganzen Zeug unter Deck daher besser auskennt, als man genau wissen möchte. Die Kinder von heute glauben eh nicht mehr an so etwas. Die Kinder von heute sind cool und abgebrüht. Jedenfalls solange sie nicht vor dieser einen Maske stehen, die eine besonders lange Nase hat und deren Augen einem doch tatsächlich nachzublicken scheinen, wenn man weitergeht und sich sicherheitshalber noch einmal umdreht. Dann sind sie nicht mehr ganz so cool.

Und das ist auch schön so. Was sollte das denn für eine Kindheit sein, in der man durch gar nichts zu beeindrucken ist? Kinder haben auch so etwas wie ein Recht auf Grusel.
Harry’s Hafenbasar ist bei weitem nicht mehr so groß wie früher, man kann sich ganz gut aussuchen, ob man lange vor den übervollen Regalen verweilt und sich jedes Detail ansieht oder nur mal eine schnelle Runde dreht. Wobei schnell relativ ist, wenn man sich durch die rappelvollen Kammern windet. Ein Kurzbesuch passt aber sicher auch in die kürzeste Hamburgreise. Viele der Exponate kann man übrigens kaufen und sich zu Hause ins Regal stellen. Es muss ja nicht gleich die unheimlichste Maske sein, auch wenn das der eine oder andere im Geheimen pädagogisch interessant finden könnte.

Langweilig finden Kinder den Basar mit Sicherheit nicht. Für sehr zartbesaitete Kinder ist es vielleicht tatsächlich nichts, aber ansonsten ist der Geisterbahngrusel dieses schrägen Kabinetts absolut zumutbar und sehr unterhaltsam. Als würde man in ein Fantasy-Wimmelbuch hineinsteigen. Apropos Wimmelbuch: in der Ausstellung steht auch ein ausgestopftes Elefantenbaby. Die allermeisten Besucher finden das allerdings nicht – lassen Sie die Kinder ruhig suchen. Dann könnte es aber etwas dauern, bis man wieder an Deck ist.

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