Kolumne von Maximilian Buddenbohm – Im Theater


(Meister Eder: Tim Koller, Pumuckl: Niklas Marc Heinecke) Foto: Christoph Mannhardt

Es weihnachtet, da gibt es zuverlässig in jedem Theater der Stadt Stücke für Kinder. Meistens sind es Märchen, manchmal sind es auch andere Geschichten. Manchmal steht eine Altersangabe dran, manchmal nicht – immer aber kann man ganz sicher sein: ein sechsjähriges Kind ist für all diese Stücke im genau richtigen Alter. Im perfekten Alter, im vielleicht sogar einzig richtigen Alter. Alles andere ist nur Annäherung, aber mit sechs, mit sechs Jahren ist alles ganz genau so, wie es im Theater immer schon gemeint war. Wer ein sechsjähriges Kind hat, der muss mit ihm ins Theater gehen. Mit Betonung auf MUSS.
Mit sechs Jahren versteht man auch schon eine etwas komplexere Handlung. Mit sechs Jahren hört man auch einmal still einem etwas längeren Dialog zu. Mit sechs Jahren kann man Lieder nach einmaligem Hören des Refrains mitsingen, mit sechs Jahren versteht man, wenn sich am Ende des Stücks etwas auf den Anfang bezieht. Mit sechs Jahren ist man einfach das ideale Publikum. Dankbar, begeistert, emotional verführbar, hingerissen. Und mit sechs Jahren, nur mit sechs Jahren ist man in dem seligen Alter, in dem man genau weiß, dass man gerade in einem Theater ist, dass da oben Schauspielerinnen stehen, dass da jemand ein Stück geschrieben hat, dass jeder Witz berechnet ist, wohlkalkuliert und sorgsam ausgedacht – und in dem man das alles komplett, wirklich komplett vergisst, sobald das Licht ausgeht und der Vorhang sich hebt. Alles versinkt, die Sitzreihen, das Theater, der Vater neben dem Kind, die Stadt da draußen, alles ist weg, ganz weit weg und nur die Bühne ist da, ist so was von da.


Illustration nach dem Originalentwurf von Barbara von Johnson

Der Vierjährige versteht manchmal noch gar nicht recht, was da oben vor sich geht. Der Achtjährige lächelt betreten und unsicher, wenn ein Witz womöglich uncool sein könnte. Aber der Sechsjährige strahlt. Strahlt so, dass man meint, er müsste im Dunkeln leuchten. Vibriert auf dem Sitz, es reißt ihn hin und her, es schüttelt ihn durch. Es wirft seine Beine nach vorne und seine Arme nach oben, das Theater macht Dinge mit ihm, über die jene Erwachsenen leise lächeln, die gar nicht mehr wissen, wann sie zuletzt richtig begeistert waren. Vermutlich nicht im Theater. Aber wo?
Der Sechsjährige lacht sich lauthals kaputt über die elementarsten Effekte des Theaters. Dass einer in den Kulissen verschwinden kann um ganz woanders wieder zu erscheinen! Oben, unten, rechts, links, in der Mitte, ist es zu fassen! Guck mal, guck mal! Da bewegen sich Requisiten von alleine, da wackeln Wände, da geht die Sonne auf und unter und das Kind starrt und klatscht und klatscht und wenn man es fragt, wie es das findet, das Stück da oben, dann kann man lange fragen, denn das Kind hört überhaupt nichts. Hört nichts, weil doch alle Aufmerksamkeit allein der Bühne gilt. Diesem magischen Ort, an dem alles möglich ist, an dem ganz andere Gesetze gelten als sonst überall. Und der Erwachsene, der gerade verstohlen auf die Uhr sehen will, der spart sich diese überhebliche Geste dann doch, weil ein so dermaßen glücklicher kleiner Mensch neben ihm sitzt. So glücklich ist der kleine Mensch, dass man sich ganz schlecht fühlt, wenn man keineswegs so begeistert ist. Wenn man die Figuren eher irrwitzig überzeichnet findet, die Story ungelenk und die Komik bestenfalls clownesk, herrje.
Und man sieht ein wenig irritiert auf den Sechsjährigen neben einem und da bleibt der Blick dann auch hängen. An diesen Augen, die so beglückt jede Winzigkeit auf der Bühne aufsaugen. An diesem breiten Grinsen, an dieser ganzen so überaus lebendigen Mimik, an diesem rauschenden Genuss des Augenblicks. Dieses Augenblicks, den man in seiner blasierten Erwachsenenhaltung so verdammt leicht als Albernheit abzutun bereit ist.


(Meister Eder: Tim Koller, Pumuckl: Niklas Marc Heinecke) Foto: Christoph Mannhardt

Es ist, das wollen wir nicht verschweigen, natürlich ein wenig arg berechenbar, was in diesen Weihnachtsstücken passiert. Aber wenn man einfach die ganze Zeit sein Kind beobachtet, dann kann man an so einem Abend doch viel lernen und sich vielleicht ein wenig irritiert der Frage stellen, was einen eigentlich noch so richtig begeistert im Leben. Überhaupt etwas? Und seit wann eigentlich nicht mehr?
Wir waren im Sankt Pauli Theater und haben uns „Meister Eder und sein Pumuckl“ angesehen. Der sechsjährige Sohn I und ich. Er ging sehr, sehr glücklich nach Hause. Ich denke immer noch nach.

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