Kolumne von Maximilian Buddenbohm – Im Miniatur Wunderland

Es fängt damit an, dass man sehr viele Menschen sieht, genau genommen sind es aber erst einmal nur sehr viele Rücken. Dicht an dicht, ganze Säle voller Rücken, immer noch ein Rücken und noch ein Rücken. Frauenrücken, Männerrücken, Kinderrücken. Mit Rucksack, ohne Rucksack, mit Kameragurt, ohne Kameragurt. Und dazu hört man ein allgemeines Murmeln, ein dichtgewebtes Stimmengewirr. Die Situation ist etwas widersinnig, obwohl keiner die Komik zu bemerken scheint. Die Menschen starren nämlich alle gebannt auf kleine, auf wirklich winzige Dinge und sagen dazu immer wieder: “Boah, ist das groß.”

Sie sind aber gar nicht alle verrückt geworden, sie stehen nur vor einer Modellanlage in so verblüffender Größe, dass man auch nach zwei Stunden aus dem Staunen nicht herauskommt und das mit der Größe immer weiter murmelt. Es ist tatsächlich sehr, sehr groß, was da an Winzigkeiten aufgebaut wurde, es mutet geradezu endlos an. Es beginnt mit dem Panorama einer Schweizer Landschaft, das sich irgendwo weiter oben in der Höhe verliert. Eine detailreiche Bergszenerie, als Erwachsener sieht man auf einen Blick, dass ein ganzer Tag vermutlich gar nicht reichen würde, hier alle Details zu sehen, wenn die Ausstellung so weitergeht. Und das tut sie. Kindern fehlt dieser Überblick natürlich, Kinder haben kein Gefühl dafür, welchen Umfang so etwas haben kann. Kinder gucken einfach mit offenem Mund. Die Kinder kann man übrigens in zwei Typen aufteilen, es gibt die Stehenbleiber und die Weiterrenner. Die Stehenbleiber, wie etwa Sohn II, kleben am erstbesten Platz, den sie erobert haben und gucken, gucken und gucken. Sie sind nicht damit zu beeindrucken, dass man weitergehen möchte, dass noch so viel kommt, dass womöglich noch aufregendere Dinge kommen, dass man Hunger hat oder sonst etwas, nein, wieso denn, sie gucken doch noch? Hallo? Ich hab hier gar nicht alles gesehen? Kleine Hände, die sich mit weißen Knöcheln an Geländer klammern. Vor ihnen fahren Züge vorbei. Viele Züge.

Weiterrenner wie Sohn I dagegen macht es nervös, dass da vorne noch etwas anderes zu kommen scheint, das sie noch nicht gesehen haben – und dahinter dann wohl noch etwas? Und da ganz hinten auch noch! Die Weiterrenner kann man kaum festhalten, eigentlich müsste man sie anleinen, um sie nicht zu verlieren, die Stehenbleiber aber müsste man alle paar Minuten mit einem Brecheisen vom jeweiligen Standort lösen, es ist wirklich ein wenig kompliziert, wenn man mehrere Kinder dabei hat.

Die Stehenbleiber scheinen außerdem noch einen ausgeprägten Sinn dafür zu haben, sich ihren Platz erst zu erobern und dann auch zu verteidigen. Sohn II hat überhaupt keine Mühe, sich zwischen Erwachsenen durchzuboxen und er denkt auch gar nicht daran, sich irgendwo vertreiben zu lassen, bevor er alles gesehen hat. Hier steht er nun, er kann nicht anders. Sohn I, der Weiterrenner, springt eher behende von Lücke zu Lücke, er hat gar keine Zeit, irgendwo lange zu drängeln, denn ein paar Meter weiter trennen sich doch gerade zwei Erwachsene vom Geländer vor den Modellen, da muss er hin – und zwar schnell.

Ich sehe mir das alles genau an, ich komme langsam dahinter, dass sich nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen sämtlich in diese zwei Typen teilen lassen. Breitbeinige Bauern auf der Scholle hier, rennende Jäger und Sammler dort, von wegen Evolution, wir sind immer noch Steinzeit, durch und durch. Ich würde meine Erkenntnis eigentlich gerne meiner Herzdame mitteilen, das geht aber nicht. Sie steht noch mit Sohn II vor dem ersten Modell, während ich mit Sohn I schon durch die ganze Ausstellung bin und die zweite Runde absolviere.

Eine Ausstellung die, da gibt es nichts, wirklich beeindruckend ist. Und in der es unfassbar viel zu entdecken gibt. Viele kleine Scherze der Modellbauer, eine schier endlose Szenenvielfalt, man kann sich schlichtweg nicht vorstellen, was es für ein Aufwand sein muss, das alles zu bauen. Spätestens wenn man sieht, was sich alles an noch mehr Szenen, Verstecken, U-Bahnen und Technik unter den Tischen befindet, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Etwas rätselhaft wird es, wenn man darüber nachdenkt, wie es die Modellbauer bloß schaffen, alle Punkte der riesigen Panoramen zu erreichen. Man kommt nach einer Weile drauf, man sieht Luken in den Bergen, klappbare Stege und so weiter – aber es dauert doch etwas.

Und die Elbphilharmonie, der Problembär unter Hamburgs Großprojekten, sie ist hier in der Kleinausgabe von Hamburg nicht nur gerade fertig erbaut und eröffnet, sie hat auch gar keine Sound- oder Statikprobleme, sie sieht wirklich toll aus und sie ist, da kann der Bau draußen nicht mithalten – aufklappbar. Das ganze Ding öffnet sich und gibt den Blick in den riesigen Konzertsaal frei, das wäre sicher noch den einen oder anderen Architekturpreis wert. Und etwas günstiger als die Originalversion war sie wohl auch, wie man hört. Da stehen Menschen vor dem Modell und äußern sich lobend und begeistert, die Bauherren des echten Gebäudes müssen eingehen vor Neid.

Nicht umsonst ist das Miniatur Wunderland mittlerweile eine der bekanntesten Touristenattraktionen der Stadt geworden, da scheint jeder hinzugehen, was natürlich auch einen Nachteil hat: es ist voll. Es ist genau genommen brechend voll und nach zwei Stunden hält man eine solche Masse Mensch auf so engem Raum einfach nicht mehr aus, ich jedenfalls nicht. Zwei Stunden reichen allerdings tatsächlich, mehr kann man vielleicht auch gar nicht aufnehmen. Aber wenn man sich immer wieder genug Platz erkämpft oder geschickt von Lücke zu Lücke springt, dann sind die zwei Stunden schon toll. Doch, ich würde auch ein zweites Mal hingehen und wenn ich wüsste, wann es da leerer ist, womöglich sogar öfter. Man könnte ja die nächstbesten Hamburgbesucher dort hinschleifen, und wenn man so etwas schon denkt, dann ist es wohl gut. Es wächst natürlich auch weiter, es verändert sich, es gibt dauernd etwas Neues, ganz wie in der Hafencity vor der Haustür.

Apropos Hafencity, dazu noch ein praktischer Tipp. Nach den zwei Stunden im Miniatur Wunderland ist die Familie hungrig. Essen Sie nicht im Lokal des Miniatur Wunderlandes, gehen Sie raus und ein paar Meter weiter ins Kesselhaus, das ist das Infocentrum der Hafencity, es sind nur 5 Minuten Fußweg. Besseres Essen, nettere Preise – und Ruhe. Keine Schlangen, Platz, Luft, Licht. Guter Kuchen. Und eine große Modellanlage der Stadt, aber die ist dann wirklich vergleichsweise egal.

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