Kolumne von Maximilian Buddenbohm – Energiebunker Wilhelmsburg/Deichdiele

Natürlich möchte man sich als Ewachsener nicht an jedem Wochenende nur mit kinderkompatiblen Ausflügen zu Indoorspielplätzen, Freizeitparks und anderen Orten des Grauens beschäftigen. Ab und zu interessiert einen auch selbst etwas. Doch, das kommt vor. Und dann testet man, mehr oder weniger geplant, Ziele auf Kindertauglichkeit, die gar nicht ausdrücklich für Kinder vorgesehen sind.
Dabei ist es natürlich zweckdienlich, den Kinder vorher irgendeinen Bonus zu verkaufen, irgendetwas in Aussicht zu stellen, das sie motiviert stundenlang hinter einem her zu trotten und sich halbwegs zu benehmen, auch wenn sie einmal nicht im Vordergrund stehen. Etwa ein so sinnvolles und pädagogisch wertvolles Ziel wie Kuchen.

Wir waren im Energiebunker in Wilhelmsburg. Mit der S-Bahn bis Veddel, dann mit der wilden 13 (Bus) bis fast vor die Tür, Station Veringstraße. Den Bunker sieht man dann schon. Das ist eine Einrichtung, die man nördlich der Elbe nicht gerade flächendeckend zu kennen scheint, daher erkläre ich das besser. Der Bunker ist ein Riesentrumm aus dem Zweiten Weltkrieg, der allseits bekannte Bunker an der Feldstraße sieht ähnlich aus. Groß, grau, fürchterlich. Man hat irgendwann versucht, diesen Bunker von innen zu sprengen, um das Mahnmal wieder loszuwerden, das ist aber nicht gelungen. Innen war zwar ein riesiges Loch, außen blieb aber alles stehen. Es ist nicht einfach, Bunker loszuwerden, dafür sind sie ja da. Nun hat man dort im Zuge der Internationalen Bauausstellung ein Öko-Kraftwerk hineingebaut, der Klotz versorgt jetzt 3.000 Haushalte oder mehr mit Strom. Hätte ich keine Kinder dabei gehabt, ich könnte das vermutlich näher erklären, denn es gibt Infotafeln und Erläuterungen, das ist auch gar nicht uninteressant und scheint eine feine Sache zu sein. Aber ich hatte drei Kinder dabei, die bei dem Wort “Bunker” hängenblieben und mich dann zwei Stunden lang in eine Intensivbefragung zur deutschen Geschichte verwickelten.

Wozu brauchte man Bunker? Wieso war Krieg? Wer gegen wen? Mit welchen Waffen? Gab es auch Tote? Wem gehörte der Bunker? Was haben die Bomben gemacht? Trugen die Menschen Eisenanzüge zum Schutz? Wer waren die Guten? Wo waren die Bösen? Wieso dürfen schlechte Menschen überhaupt regieren? Warst du auch in dem Bunker? Oder Mama? Oma? Ist jetzt gerade auch irgendwo Krieg? Warum? Und wenn Menschen einfach nicht gemein zueinander wären, gäbe es dann trotzdem noch Krieg? Wir sind nicht sehr gemein, oder? Wie viele Bunker gab es? Wo genau standen noch welche? Gibt es hier auch wieder Krieg? Haben wir dann einen Bunker? Wo?

Das ist nicht ganz einfach, aber es gibt auch keinen Grund, sich dem nicht zu stellen. Denn es gab nun einmal Krieg, die Folgen sieht man in der Stadt, die Folgen hat man in der Familie, man kann das sowieso nicht verschweigen. Damit sind schon unsere Großeltern gescheitert, das möchte ich nicht wiederholen. Natürlich ist das anstrengend, diese Fragen so zu beantworten, dass man Sechsjährigen wenigstens halbwegs gerecht wird, da muss man sehr genau überlegen, was man sagt. Nach zwei Stunden möchte man dann dringend auf ein Sofa und zur Entspannung doch lieber wieder Yakari oder Wicki oder so etwas sehen, das freut dann auch die Kinder.

Auf dem Bunker gibt es ein Café, unser Lockmittel für die Kinder an diesem Tag, hey, Kakao und Kuchen für alle. Das Café war allerdings wegen einer Veranstaltung geschlossen, so dass wir etwas bedröppelt vor der Tür standen, finstere Gesichter bei den Kindern. Wie bei so vielen Veranstaltern, Gastwirten und so weiter in Hamburg stand auch hier keine aktuelle Meldung auf der Homepage, sonst wären wir gar nicht erst losgefahren, es ist wirklich ein Kreuz. Es scheint immer noch nicht allen klar zu sein, dass so eine Seite im Internet keine Plakatwand ist, sondern ein Kommunikationsinstrument. Und dass es für sehr viele Menschen mittlerweile normal ist, vor einem Besuch die Öffnungszeiten online nachzusehen. Die stehen da auch meistens, sonst aber nichts Tagesaktuelles. Weswegen man dann in Schwimmbädern landet, deren Kinderbecken geschlossen ist oder in Cafés, die gerade zu machen, obwohl sie noch zwei Stunden geöffnet sein sollten.

Die Außenterrasse war dennoch zugänglich, wir gingen also einmal oben um den Bunker herum. Der Blick ist wirklich großartig, das hat was, das kann man ruhig einmal gesehen haben. Mit einem schönen Kaffee zum Sonnenuntergang wäre das bestimmt toll, besonders im Sommer, aber Kaffee gab es ja nicht.

Ich habe bei dieser Gelegenheit übrigens wieder festgestellt, dass Ausblick Kindern völlig schnurz ist, das beeindruckt sie nicht im geringsten. Ja, da kann man ganz Hamburg sehen, na und. Der Hafen, hm. Mir doch egal. Was machen wir jetzt? Ausblick ist etwas für Erwachsene.

Wir haben dann natürlich ein Café gesucht, um den versprochenen Bonus auszahlen zu können. Wir wurden bei der Deichdiele fündig, Veringstraße 156. Das ist so ein ironisch-studentisch möbliertes Café mit alten Sofas, ausrangierten Kinoklappsesseln und mehreren Räumen, wie in einer Wohnung. Da liegt etwas Spielzeug herum, man möchte es fast Sperrmüll nennen, aber die Kinder waren begeistert. Spielzeug ist immer da besonders toll, wo sie es überhaupt nicht erwarten, die hatten Spaß. Es gab wirklich sehr guten Schokoladenkuchen, Kakao gab es auch, zack, alle glücklich. Manchmal ist es ja einfach. Am Abend wird in der Deichdiele wohl im Hinterzimmer geraucht, als wir da waren nicht, das war kein Problem.

Ich habe mich gefreut, dass ich da in diesem entspannten Café saß, das einen genau richtig leicht verkommenen Charme hat. Unangestrengt, locker. Etwas heruntergerockt, kumpelig und lässig, das ist eben das, was einem in aufgeschickten und superteuren Stadtteilen wie Sankt Georg mittlerweile fehlt. Allerdings saßen an den Nebentischen Studenten und diskutierten die Zukunft der Welt – und man weiß ja mittlerweile, genau so fängt es an. Erst die Studenten, dann die Makler, dann die Werber. Mit Wilhelmsburg wird es demnächst aufwärts gehen, wenn man also südlich der Elbe in Cafés mit genau diesem Charme gehen möchte, dann sollte man es bald tun. Bevor daneben der erste Starbucks eröffnet. Oder ein Laden mit Frozen Yogurt. Na, Sie wissen schon.

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